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Signalqualität

10 Faktoren, die Ihr EMG-Signal verfälschen

Eine Oberflächen-EMG-Amplitude ist keine Eigenschaft des Muskels allein. Zwischen den Muskelfasern und der Zahl auf dem Bildschirm liegen Haut, Fett, Elektrodengeometrie, Kabel, Verstärker und Umgebung — und jedes davon kann den Wert verändern, ohne dass sich an der Muskelaktivierung etwas ändert. Konrad fasst das als „Ableitbedingung" zusammen; Cram's widmet den Einflussfaktoren auf die Interpretation ein eigenes Kapitel. Hier die zehn, die in der Praxis am meisten zählen, was jeder mit dem Signal macht und wie man ihn im Griff behält.

Stand 2026-08-17 6 Min. Lesezeit

1. Hautzustand und Vorbereitung

Abgestorbene Hautzellen, Schweiß, Fett und Haare erhöhen und destabilisieren die Hautimpedanz. Hohe oder ungleiche Impedanz unter den beiden Elektroden schwächt die Fähigkeit des Verstärkers, Störungen auszulöschen — die Grundlinie wird unruhig, Netzbrummen und Bewegungsartefakte kommen durch, kleine Aktivierungen verschwinden im Rauschen. Cram's: Schlechter Elektrodenkontakt senkt die sEMG-Amplituden künstlich.

Kontrolle: rasieren, leicht abreiben, mit Alkohol reinigen, vor der Aufzeichnung ein paar Minuten warten (die Impedanz sinkt weiter). Leicht gerötete Haut ist das sichtbare Ziel. Details im Platzierungs-Leitfaden.

2. Unterhautfett

Fettgewebe isoliert und dämpft. Cram's berichtet eine Korrelation von etwa 0,5 zwischen Hautfaltendicke und Ruhe-sEMG-Niveau und etwa 0,25 bei moderater Kontraktion — Fett wirkt sich auf ruhige, niedrigamplitudige Ableitungen stärker aus als auf aktive. Die Fettverteilung unterscheidet sich zwischen Personen, zwischen den Geschlechtern und zwischen Stellen am selben Körper, sodass absolute Mikrovoltwerte über keine dieser Grenzen hinweg vergleichbar sind.

Kontrolle: Man kann es nicht entfernen, nur berücksichtigen. Hautfaltendicke an der Stelle notieren, innerhalb der Person vergleichen (links/rechts, vorher/nachher) statt zwischen Personen, und normalisieren (siehe Faktor 10).

3. Temperatur

Die Muskeltemperatur verändert die Leitgeschwindigkeit: Ein warmer Muskel leitet schneller, was das Leistungsspektrum zu höheren Frequenzen verschiebt und die Amplitude leicht verändert. Kalte Haut erhöht zudem die Impedanz.

Kontrolle: Person an den Raum gewöhnen lassen, standardisiertes Aufwärmen vor Baseline-Messungen, Bedingungen zwischen Sitzungen ähnlich halten und Raumtemperatur notieren.

4. Elektrodengröße und Elektrodenabstand

Cram's Regel: Tiefe und Fläche des Aufnahmefelds sind proportional zum Elektrodenabstand. Ein weiterer Abstand ergibt eine größere Amplitude — und mehr von den Nachbarmuskeln. Größere Elektroden mitteln über mehr Gewebe und senken die Selektivität. Beides verändert den Wert, ohne den Muskel zu verändern.

Kontrolle: Ag/AgCl-Elektroden ≤ 10 mm, 20 mm Abstand (SENIAM), auf beiden Seiten und in jeder Sitzung identisch. Aufschreiben.

Elektrodengröße und Elektrodenabstand bestimmen das Detektionsvolumen: ein kleines 20-mm-Paar bleibt im Zielmuskel, ein großes 40-mm-Paar erreicht Nachbarn und tieferes Gewebe.
Elektrodengröße und Elektrodenabstand bestimmen das Detektionsvolumen: ein kleines 20-mm-Paar bleibt im Zielmuskel, ein großes 40-mm-Paar erreicht Nachbarn und tieferes Gewebe.

5. Position relativ zu Innervationszone und Sehne

Über der Innervationszone laufen die Aktionspotenziale in entgegengesetzte Richtungen und löschen sich teilweise aus; die Amplitude ist kleiner, instabil und ändert sich schon bei minimalem Verschieben. Richtung Sehne dünnen die Fasern aus und das Signal verblasst. Cram's (nach Fridlund & Cacioppo): die motorische Endplattenregion nicht überspannen; leicht außermittig ist besser.

Kontrolle: den SENIAM-Landmarkenanteil verwenden, der so gewählt ist, dass er zwischen Innervationszone und distaler Sehne liegt; mit Testkontraktion prüfen.

6. Muskellänge, Gelenkstellung und Elektrodenwanderung

Der Muskel bewegt sich unter der Haut; die Elektroden bleiben bei der Haut. Cram's beschreibt, wie der Sternocleidomastoideus bei Kopfrotation seine Ruhelänge um 50 % ändert, sodass das Paar vor oder hinter den Bauch driftet. Konrad nennt Zweiköpfiger Oberarmmuskel und Innerer Schenkelmuskel als typische Wanderer und Hautdehnung als Problem bei Gerader Bauchmuskel, Erector spinae und Oberer Trapezmuskel. Auch ohne Wanderung erzeugt dieselbe Aktivierung bei verschiedenen Muskellängen verschiedene Amplituden.

Kontrolle: Elektroden in der Stellung kleben, in der sich der Muskel überwiegend befinden wird (Konrad: bei dynamischen Aufgaben in maximaler Verkürzung); Amplituden nur bei gleichem Gelenkwinkel vergleichen; isometrische oder gleich-umfängliche Vergleiche bevorzugen; Position und Haltung dokumentieren.

Der Gelenkwinkel ändert die Muskellänge unter einer festen Hautposition: dasselbe Paar, das bei gestrecktem Gelenk zwischen Innervationszone und Sehne sitzt, kann bei gebeugtem Gelenk über der IZ landen.
Der Gelenkwinkel ändert die Muskellänge unter einer festen Hautposition: dasselbe Paar, das bei gestrecktem Gelenk zwischen Innervationszone und Sehne sitzt, kann bei gebeugtem Gelenk über der IZ landen.

7. Übersprechen aus Nachbarmuskeln

Übersprechen ist echtes EMG vom falschen Muskel. Es ist in der Rohkurve nicht zu sehen und lässt sich nachträglich nicht herausfiltern. Cram's warnt, dass ein einzelnes Paar über einem Muskel zu einer falschen Schlussfolgerung über diesen Muskel führen kann, und stuft jede Atlas-Stelle nach ihrer Anfälligkeit ein (siehe Ableitungstypen).

Kontrolle: kleine Elektroden, 20 mm Abstand, Platzierung über dem Bauch fern der Ränder, Funktionstest gegen die Aktionen der Nachbarn und — Cram's Rat — Synergisten oder Antagonisten auf weiteren Kanälen mitführen, damit das Muster es entlarvt.

8. Physiologische Artefakte: EKG und Atmung

Das Herz ist ein großer Muskel mit einem großen Signal. Am Rumpf und an den Schultern — Längster Rückenmuskel, Gerader Bauchmuskel, Mittlerer Brustmuskel, linker Oberer Trapezmuskel — erscheint das EKG als regelmäßige Spitze etwa einmal pro Sekunde und bläht jedes Amplitudenmaß auf. Die Atmung bewegt die Brustwand und verschiebt die Grundlinie der Rumpfkanäle.

Kontrolle: den Rhythmus im Rohsignal erkennen; Rumpfelektroden so weit vom Herzen entfernt setzen, wie das Protokoll erlaubt; EKG-Reduktionsalgorithmen oder Ausblendung nutzen, wo verfügbar; angeben, dass der Kanal betroffen ist.

Vier Dinge, die keine Muskelaktivität sind: Netzbrummen, EKG-Spitzen, Bewegungs-/Kabelschwankung und Clipping. Alle vier sind im Rohsignal sichtbar — und in einer geglätteten Hüllkurve unsichtbar.
Vier Dinge, die keine Muskelaktivität sind: Netzbrummen, EKG-Spitzen, Bewegungs-/Kabelschwankung und Clipping. Alle vier sind im Rohsignal sichtbar — und in einer geglätteten Hüllkurve unsichtbar.

9. Bewegungsartefakte, Kabel und Netzbrummen

Relativbewegung zwischen Elektrode, Kabel und Haut erzeugt niederfrequente Grundlinienwellen und scharfe Spitzen; nicht fixierte Kabel wirken als Antennen für 50/60-Hz-Brummen; schlecht geerdete Geräte in der Nähe (Laufbänder, Trainingsgeräte) speisen Störungen ein. Konrads Grundlinienkriterien: zufällige Spitzen unter 10–15 µV, gleichgerichtetes mittleres Rauschen um 1–3,5 µV, Bursts, die binnen Millisekunden zu null zurückkehren — alles andere ist Artefakt, nicht Muskel.

Kontrolle: gründliche Hautvorbereitung, Kabel spannungsfrei getapt oder im Netz, Referenzelektrode auf Knochen, Geräte geerdet, 20-Hz-Hochpass bei dynamischen Aufgaben und ein Blick ins Leistungsspektrum auf eine Spitze bei 50/60 Hz, bevor man zum Notch-Filter greift.

10. Ermüdung, Lernen und die Tagesform

Ein ermüdender Muskel zeigt steigende Amplitude bei konstanter Kraft und sinkende Medianfrequenz; wer die Aufgabe gelernt hat, rekrutiert anders als im ersten Versuch; Hydration, Tageszeit und vorangegangene Belastung verändern die Zahlen. Nichts davon ist ein Fehler — aber alles davon tarnt sich als „Unterschied", wenn es nicht kontrolliert wird.

Kontrolle: Reihenfolge, Pausen und Instruktionen standardisieren (Konrads Liste zur Teststandardisierung); Bedingungen randomisieren oder ausbalancieren; per Normalisierung auf eine Referenzkontraktion aus derselben Sitzung beziehen, damit sich Änderungen der Ableitbedingung herauskürzen.

Das eine Prinzip hinter allen zehn

Absolute Mikrovolt beschreiben die Ableitbedingung ebenso sehr wie den Muskel. Jeder Vergleich — zwischen Seiten, zwischen Sitzungen, zwischen Personen — ist nur so gut wie die Übereinstimmung der beiden Ableitbedingungen. Alles, was man kann, identisch halten, dokumentieren, was man nicht kann, und normalisieren. Cram's sagt es unverblümt: sEMG ist kein Maß für Kraft, Stärke oder Anstrengung; es ist ein Maß für die elektrische Aktivität, die die Elektroden erreicht.

Muskeln in diesem Artikel

Von der Platzierung zur Messung

EMG Guide zeigt, wo die Elektroden hingehören. easyEMG mit PicoBlue-Sensoren visualisiert danach das Signal live — SENIAM-konform, in Echtzeit, mit Signal-Check am Bildschirm.

Häufige Fragen

Welcher Faktor verursacht in der Praxis die größten Fehler?

Nach unserer Erfahrung Innervationszone und Übersprechen — weil beide sauber aussehende Kurven erzeugen, die für den vermeintlich gemessenen Muskel schlicht falsch sind. Hautvorbereitung und Kabel verursachen die sichtbaren Probleme; diese beiden die unsichtbaren.

Kann ich µV-Werte zwischen zwei Personen vergleichen?

Nein. Fett, Haut, Muskelgeometrie, Elektrodenposition und Gerät unterscheiden sich; zwischen Personen sind nur normalisierte Werte (z. B. % einer Referenzkontraktion) oder Muster und Timing vergleichbar.

Löst ein Notch-Filter das Netzbrummen?

Er entfernt die 50/60-Hz-Komponente — einschließlich des echten EMG in diesen Frequenzen. Erdung, Kabelfixierung und Referenzelektrode beheben die Ursache; der Notch-Filter sollte letztes Mittel sein, und sein Einsatz muss angegeben werden.

Woher weiß ich, ob ein Unterschied echt ist?

Messung unter identischen Bedingungen wiederholen und prüfen, ob er bleibt; Rohkurve auf Artefakte prüfen; sicherstellen, dass Gelenkwinkel und Aufgabe gleich waren; und fragen, ob ein Nachbarmuskel ihn erklären könnte. Erst dann interpretieren.

Quellen

  1. Criswell E. Cram's Introduction to Surface Electromyography. 2. Aufl. 2011 — Kap. 5 „Factors That Affect Interpretation" (S. 75–80), Kap. 3 „Noise and Artifact" (S. 54–57), Kap. 4 „Site Preparation" (S. 69).
  2. Konrad P. The ABC of EMG. Noraxon; 2005 — S. 11 (Ableitbedingungen), 14 (Hautvorbereitung), 18 (Elektrodenwanderung), 21–24 (Signal-Check, Artefakte).
  3. Hermens HJ et al. SENIAM recommendations. J Electromyogr Kinesiol. 2000;10:361–374.
  4. De Luca CJ. The use of surface electromyography in biomechanics. J Appl Biomech. 1997;13:135–163.

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Referenz

Glossar der Oberflächen-EMG

54 Begriffe der Oberflächen-Elektromyographie in je einem Satz erklärt — von Amplitudenauslöschung bis Volumenleitung. Mit Quellen (SENIAM, Cram's, Konrad).

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