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Elektrodenplatzierung

Spezifisch, quasi-spezifisch, allgemein — die drei Typen der Oberflächen-EMG-Ableitung

Elektrodenpositionen im Oberflächen-EMG gibt es in drei Typen, abgestuft danach, wie selektiv sie ableiten: Eine spezifische Ableitung erfasst überwiegend einen Muskel, eine quasi-spezifische erfasst einen Muskel zusammen mit Nachbarn, von denen er sich nicht trennen lässt, und eine allgemeine (weite) Ableitung erfasst bewusst eine ganze Region. Die Einteilung stammt aus Cram's Elektroden-Atlas (Criswell 2011) und wird auf jeder EMG-Guide-Muskelseite verwendet. Welchen Typ man bekommt, entscheiden Anatomie und Elektrodenabstand — nicht die Sorgfalt beim Tasten.

Stand 2026-08-17 6 Min. Lesezeit

Warum ein Muskel nicht immer ein Signal ist

Oberflächen-EMG kann nur begrenzt tief und begrenzt eng „hören". Jedes bipolare Paar erfasst die summierte Aktivität von allem, was in seinem Aufnahmevolumen liegt — und dieses Volumen wächst mit dem Elektrodenabstand. Cram's Faustregel: Tiefe und Fläche der Ableitung sind direkt proportional zum Abstand der Elektroden.

Bei einem großen, oberflächlichen, gut abgegrenzten Muskel wie dem Zweiköpfiger Oberarmmuskel oder dem Innerer Wadenmuskel erfasst ein 20-mm-Paar über dem Bauch diesen Muskel und wenig sonst. Bei den Unterarmbeugern, den medialen Hamstrings oder den Hüftadduktoren erfasst dasselbe Paar zwangsläufig auch die Nachbarn — die Muskeln liegen unter wenigen Millimetern Haut dicht nebeneinander, und ihre Aktionspotenziale erreichen die Elektroden per Volumenleitung, egal wie genau das Paar zentriert ist.

Cram's stuft deshalb jede Atlas-Stelle ein, statt so zu tun, als wäre jede sauber. Diese Einstufung ist die ehrliche Antwort auf eine Frage, die sich Anwender ständig stellen: „Messe ich wirklich diesen Muskel?"

Die drei Typen

Spezifische Ableitung

Ein eng gesetztes Paar (SENIAM: 20 mm), parallel zu den Fasern, über oder leicht lateral vom Bauch eines Muskels, der oberflächlich liegt und Platz um sich hat. Cram's beschreibt die Stelle am Oberer Trapezmuskel als Musterfall: auf dem Schulterkamm, leicht lateral der Bauchmitte, entlang der Faserrichtung.

Was sie erfasst: überwiegend den benannten Muskel. Sicherheit gibt der Funktionstest — das Signal steigt bei der Eigenbewegung des Muskels und bleibt ruhig, wenn Nachbarn kontrahieren.

Typische Anwendungen: Rekrutierungsmuster bei Bewegung, Uptraining und Downtraining eines Muskels im Biofeedback, Seitenvergleich desselben Muskels.

Quasi-spezifische Ableitung

Dieselbe Elektrodengeometrie — aber über einem Muskel, der teilweise überdeckt ist, sehr nah an seinen Nachbarn liegt oder so dünn ist, dass Nachbaraktivität immer Teil des Bildes ist. Unterarmbeuger (Radialer Handbeuger, Oberflächlicher Fingerbeuger), die medialen Hamstrings (Halbsehnenmuskel + Semimembranosus) und die Hüftadduktoren (Langer Adduktor + Magnus + Gracilis) sind Cram's Standardbeispiele.

Was sie erfasst: den benannten Muskel plus einen Anteil der Gruppe. Cram's nennt einen Kniff, um sie zu schärfen — bei den Fingerbeugern das Paar auf den distalen Muskelabschnitt setzen, wo die sehnennahen Fasern freier liegen, sodass Fingerbewegung (statt Handgelenkbewegung) die Kurve dominiert.

Was das heißt: auf Gruppenebene interpretieren. „Die Handgelenkbeuger sind aktiv" ist sicher; „der Flexor carpi radialis, aber nicht der Ulnaris" nicht — es sei denn, ein Funktionstest belegt es. Amplitudenvergleiche zwischen zwei quasi-spezifischen Stellen derselben Gruppe sind unzuverlässig.

Allgemeine (weite) Ableitung

Weit auseinander gesetzte Elektroden, oft über mehrere Muskeln oder sogar von Gliedmaße zu Gliedmaße (Cram's nennt Handgelenk-zu-Handgelenk- und Knöchel-zu-Knöchel-Ableitungen im Entspannungstraining). Der weite Abstand erfasst alle Muskelenergie zwischen den beiden aktiven Elektroden — und mehr.

Was sie erfasst: eine Region. Basmajians klassische Warnung, von Cram's zitiert: Die weite frontale Ableitung kann Aktivität bis hinunter zur ersten Rippe aufnehmen.

Typische Anwendungen: allgemeines Entspannungstraining, Screening auf regionale Haltemuster. Nicht für muskelspezifische Aussagen irgendeiner Art.

Spezifische, quasi-spezifische und allgemeine Ableitung (nach Cram's): das Detektionsvolumen entscheidet, ob das Signal von einem Muskel, einem Muskel plus Nachbar oder einer ganzen Funktionsgruppe stammt.
Spezifische, quasi-spezifische und allgemeine Ableitung (nach Cram's): das Detektionsvolumen entscheidet, ob das Signal von einem Muskel, einem Muskel plus Nachbar oder einer ganzen Funktionsgruppe stammt.

Wo SENIAM steht

SENIAM hat Stellen nicht eingestuft, sondern standardisiert. Das bipolare 20-mm-Paar, faserparallel, zwischen Innervationszone und distaler Sehne an einem definierten Landmarkenanteil, ist eine Geometrie vom spezifischen Typ — angewandt auf einen Katalog von Muskeln, die zum Teil gerade deshalb ausgewählt wurden, weil sie sich spezifisch ableiten lassen. Das ist ein Grund, warum der SENIAM-Satz so klein ist: rund 30 Stellen, 26 bilaterale Paare auf EMG Guide.

Für Muskeln außerhalb des Katalogs nutzt EMG Guide publizierte Positionen aus Cram's und begutachteten Studien. Viele davon sind naturgemäß quasi-spezifisch. Der Messpraxis-Block auf jeder Muskelseite nennt den Typ, damit das Etikett „quasi-spezifisch" sichtbar ist, bevor man die Kurve interpretiert — nicht danach.

Was den Typ bestimmt

Die sechs Elemente von Fridlund und Cacioppo für Ableitungen hoher Güte (in Cram's Kap. 4 zitiert) lesen sich wie eine Checkliste auf dem Weg zu „spezifisch":

  1. Nähe — so wenig Gewebe wie möglich zwischen Elektroden und Fasern.
  2. Orientierung — parallel zu den Fasern; quer gesetzte Paare verlieren Selektivität.
  3. Motorische Endplattenregion meiden — ein Paar darüber senkt die Amplitude durch differenzielle Auslöschung; leicht außermittig ist besser.
  4. Reproduzierbare Landmarken — Stellen, die man in der nächsten Sitzung wiederfindet.
  5. Keine Behinderung — Hautfalten, Knochenkanten und Positionen meiden, die Bewegung blockieren.
  6. Elektrodengröße und Abstand so wählen, dass Übersprechen aus tiefen oder benachbarten Muskeln minimal wird.

Punkte 2–6 kontrolliert man selbst. Punkt 1 nicht — Unterhautfett, Muskeltiefe und wie dicht die Nachbarn gepackt sind, sind gegeben. Deshalb bleibt eine sauber ausgeführte Ableitung über den Fingerbeugern quasi-spezifisch, und deshalb macht keine Sorgfalt aus einer Supraspinatus-Ableitung eine spezifische (er liegt unter dem Trapezius; siehe welche Muskeln sich nicht von der Oberfläche ableiten lassen).

Praktische Konsequenzen

  • Prüfen statt annehmen. Cram's: Der Beweis der Spezifität ist, dass das Signal auf die dem Muskel zugeschriebene Bewegung reagiert und nicht auf die Kontraktion der Nachbarn. Beides vor der Aufzeichnung anfordern.
  • Aussage zum Typ passend halten. Spezifisch → Aussagen über einen Muskel. Quasi-spezifisch → Aussagen über die Gruppe; die Kurve für Timing und Muster nutzen, mit Amplitudenverhältnissen vorsichtig sein. Allgemein → nur Aussagen über eine Region.
  • Gleiches mit Gleichem vergleichen. Links-rechts-Vergleich derselben quasi-spezifischen Stelle ist in Ordnung (beidseits dieselben Nachbarn). Eine quasi-spezifische mit einer spezifischen Stelle oder zwei Gruppenmitglieder miteinander zu vergleichen, ist es nicht.
  • Mehrere Kanäle aufzeichnen. Cram's empfiehlt, Synergist oder Antagonist neben dem Zielmuskel mitzuführen — das Muster über die Kanäle sagt mehr als ein Kanal je kann, und es entlarvt Übersprechen (ein Kanal, der seinen Nachbarn perfekt spiegelt, ist verdächtig).
  • Typ in der Dokumentation vermerken, zusammen mit Position und Abstand. Er ist Teil der Methode.

Muskeln in diesem Artikel

Von der Platzierung zur Messung

EMG Guide zeigt, wo die Elektroden hingehören. easyEMG mit PicoBlue-Sensoren visualisiert danach das Signal live — SENIAM-konform, in Echtzeit, mit Signal-Check am Bildschirm.

Häufige Fragen

Ist eine quasi-spezifische Ableitung eine schlechte Ableitung?

Nein. Sie ist die bestmögliche Ableitung für einen Muskel, den Oberflächen-EMG nicht isolieren kann. Der Fehler liegt nicht in der Platzierung, sondern darin, sie zu interpretieren, als wäre sie spezifisch.

Kann ein kleinerer Elektrodenabstand aus einer quasi-spezifischen Stelle eine spezifische machen?

Er erhöht die Selektivität und verringert Übersprechen, hilft also — kann die Anatomie aber nicht überwinden. Sehr kleine Abstände senken zudem die Amplitude und machen die Ableitung empfindlicher für die exakte Position. SENIAM behält 20 mm als Standard für die Vergleichbarkeit bei.

Woran erkenne ich, welchen Typ eine Muskelseite beschreibt?

Im Block „Messpraxis" auf der Muskelseite: Er nennt spezifisch oder quasi-spezifisch nach Cram's für diese Stelle, die Übersprech-Nachbarn und die typischen Artefakte.

Spielt der Typ für Biofeedback eine Rolle?

Ja. Uptraining einer spezifischen Stelle trainiert einen Muskel; Uptraining einer quasi-spezifischen Stelle trainiert womöglich die Gruppe. Für Entspannungstraining ist eine allgemeine Ableitung oft genau das Richtige.

Quellen

  1. Criswell E. Cram's Introduction to Surface Electromyography. 2. Aufl. Jones & Bartlett; 2011 — Kap. 1 (S. 5), Kap. 4 (S. 70–72), Kap. 16 „Electrode Atlas Overview" (S. 247–248).
  2. Fridlund AJ, Cacioppo JT. Guidelines for human electromyographic research. Psychophysiology. 1986;23:567–598.
  3. Hermens HJ et al. Development of recommendations for SEMG sensors and sensor placement procedures. J Electromyogr Kinesiol. 2000;10:361–374.
  4. Konrad P. The ABC of EMG. Noraxon; 2005 — S. 17.

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