EN 3D-Viewer öffnen
Verarbeitung & Auswertung

EMG-Parameter — welche Zahl welche Frage beantwortet

Eine Oberflächen-EMG-Aufzeichnung kann sechs Arten von Fragen beantworten — ist der Muskel an oder aus, ist er mehr oder weniger aktiv als in einer anderen Bedingung, wann feuert er relativ zu anderen, wie viel seiner Kapazität nutzt er, ermüdet er, und wie koordiniert er sich mit seinen Nachbarn (Konrads sechs Analyseebenen). Jede Frage hat ihren eigenen Parameter: Onset/Offset-Schwellen, mittlere Amplitude, Time-to-Peak und Feuerreihenfolge, % MVC, Medianfrequenz-Steigung, Koaktivierungsindizes. Den Parameter vor der Aufzeichnung zu wählen — nicht danach — macht eine EMG-Messung interpretierbar.

Stand 2026-08-17 6 Min. Lesezeit

Warum man mit der Frage beginnt

Konrads Analysekapitel baut auf einer einfachen Beobachtung auf: Die Parameter sind billig, die Frage ist teuer. Software berechnet Mittelwert, Spitze, Fläche, Medianfrequenz und Onsets für jeden Kanal in einer Sekunde — aber eine mittlere Amplitude kann keine Timing-Frage beantworten, eine Spitze keine Ermüdungsfrage und ein Einkanalwert keine Koordinationsfrage. Cram's macht denselben Punkt von der klinischen Seite (Kap. 8): Erst festlegen, was man wissen will, dann Platzierung, Aufgabe und Zahl wählen.

Jeder Parameter unten setzt die Verarbeitungskette aus Roh-EMG zu RMS voraus und, wo Amplituden über Sitzungen oder Personen verglichen werden, die Normalisierung.

Ebene 1 — An oder aus?

Frage: Ist der Muskel bei dieser Aufgabe überhaupt aktiv, und wann?

Parameter: Onset und Offset, definiert über eine Schwelle auf der Hüllkurve. Konrad nennt drei Wege, sie zu setzen:

  • Vielfaches der Grundlinien-SD — typischerweise 2–3 Standardabweichungen der Ruhe-Grundlinie, plus eine Mindestdauer (z. B. 50 ms) über der Schwelle, damit einzelne Spitzen nicht auslösen. Beliebt, aber die Grundlinien-SD schwankt zwischen Durchgängen und Personen; bei sehr rauscharmen Verstärkern muss der Faktor auf 8 oder mehr steigen.
  • Prozentsatz der lokalen Spitze — z. B. 5 % der Spitze im Analysefenster; stabiler, unabhängig vom Grundlinienrauschen.
  • Fester Wert — ein Mikrovoltniveau oder besser ein %-MVC-Niveau in normalisierten Daten.

Welche Regel auch immer: jeden Onset grafisch prüfen. Hodges & Bui haben gezeigt, wie stark der erkannte Onset mit Methode und Fenster wandert — eine Timing-Aussage ist nur so gut wie ihre Schwelle.

Ebene 2 — Mehr oder weniger?

Frage: Ist der Muskel in Bedingung A aktiver als in B — links vs. rechts, vorher vs. nachher, Übung 1 vs. Übung 2?

Parameter: die mittlere Amplitude der Hüllkurve über ein definiertes Intervall — Konrads „wichtigste EMG-Berechnung": robust, am wenigsten empfindlich für die Intervalllänge, am besten für Vergleiche. Die Spitze ist bei Einzeldurchgängen zu variabel; Average Peak (Mittel der zehn höchsten Werte) oder Spitzen gemittelter Kurven verwenden. Fläche (iEMG) nur bei gleicher Intervalllänge.

Regeln: gleiche Elektroden, gleiche Aufgabe, gleiches Fenster; innerhalb einer Sitzung sind Roh-µV für links–rechts akzeptabel; über Sitzungen oder Personen normalisieren. Und Cram's Warnung nicht vergessen: Mehr Mikrovolt sind nicht mehr Kraft.

Ebene 3 — Wann? (Timing)

Frage: In welcher Reihenfolge feuern die Muskeln, wie lange nach einem Reiz, wann ist die Spitze?

Parameter: Time to Peak (vom Kontraktionsbeginn oder Ereignis bis zur Spitze der Hüllkurve), Feuerreihenfolge über Kanäle (Onset-Rangfolge), Onset-Musterdiagramme (An/Aus-Balken je Muskel über einen Bewegungszyklus — die klassische Gangdarstellung) und Reaktionszeit nach externem Trigger.

Regeln: kurze Glättungsfenster oder phasenfreie Filter (jedes gleitende Fenster verzögert Onsets), ein synchronisierter Ereignismarker (Fußschalter, Goniometer, Video) und identische Schwellenregeln für alle Kanäle. Typische klinische Fragen: Startet der Innerer Schenkelmuskel vor dem Äußerer Schenkelmuskel? Feuert der Großer Gesäßmuskel bei der Hüftstreckung vor dem Langer Kopf des Bizeps Femoris? Schaltet der Vielspaltiger Muskel feed-forward ein, bevor sich der Arm bewegt?

Ebene 4 — Wie viel?

Frage: Wie viel seiner Kapazität nutzt der Muskel?

Parameter: mittlere Amplitude als % MVC (oder andere Referenz — siehe Normalisierungsartikel). Nur normalisierte Daten können sagen: „Der Oberer Trapezmuskel arbeitete bei dieser Tipparbeit mit 15 % des Maximums." Konrads Input % — der Mittelwert jedes Kanals als Anteil an der Summe der Mittelwerte — beantwortet die verwandte Frage „Wie verteilt sich die Anstrengung über diese Muskeln?"

Regeln: Die Referenzkontraktion muss gültig sein (siehe MVC-Testregeln); Werte über 100 % kommen bei dynamischen Aufgaben vor und sind ein Grund, die Referenz zu prüfen, nicht zu kappen.

Ebene 5 — Ermüdet er?

Frage: Zeigt der Muskel bei anhaltender Anstrengung Zeichen lokaler Ermüdung?

Parameter: In einer statischen, submaximalen Kontraktion bei konstanter Last und festem Gelenkwinkel passieren über die Zeit zwei Dinge (Konrad, S. 50): Die Amplitude steigt (zusätzliche motorische Einheiten werden rekrutiert), und mittlere und Medianfrequenz des Leistungsspektrums fallen (die Leitgeschwindigkeit sinkt; das Spektrum verschiebt sich nach links). Die Steigung der Medianfrequenz über die Zeit — mit ihrem Achsenabschnitt — ist der klassische Muskelermüdungsindex (De Luca). Er zeigt sich, bevor die Kraft tatsächlich nachlässt.

Regeln: Die spektrale Methode braucht Stationarität — eine konstante, statische Kontraktion. Bei dynamischen Aufgaben (Krafttraining) stattdessen den Amplitudenanstieg nutzen. Auf das umgekehrte Muster achten (Frequenz hoch, Amplitude runter), das Konrad einer Lastverlagerung auf Synergisten oder verringerter Antagonisten-Koaktivierung zuschreibt. Anwendungen: Rückenausdauertests (Multifidus und Erector spinae bei Rückenschmerz), Bewertung von Trainingseffekten.

Ermüdung im EMG: bei gehaltener Kontraktion fällt die Medianfrequenz, während die RMS-Amplitude steigt — beides zusammen ist die Ermüdungssignatur.
Ermüdung im EMG: bei gehaltener Kontraktion fällt die Medianfrequenz, während die RMS-Amplitude steigt — beides zusammen ist die Ermüdungssignatur.

Ebene 6 — Koordination

Frage: Arbeiten die Muskeln um ein Gelenk oder entlang einer Kette angemessen zusammen?

Parameter: alle oben genannten, aber auf mindestens zwei Kanälen und mit expliziten Kriterien. Konrads Beispiele für „gute" Koordination: symmetrische Innervation der Synergisten (die Vasti), synchronisierte Feuerreihenfolge innerhalb einer Kette, Feed-forward-Aktivierung der Stabilisatoren und Antagonisten-Koinnervation, die niedrig und spät ist. Koaktivierung wird aus der Überlappung von Agonisten- und Antagonisten-Hüllkurve quantifiziert; Verhältnisse wie VMO/VL oder oberer/unterer Trapezius sind die klinische Kurzform.

Regeln: Kriterium vor der Aufzeichnung definieren; Synergisten und Antagonisten gemeinsam ableiten; auf Übersprechen achten, das sich als Koaktivierung tarnt (ein Kanal, der seinen Nachbarn perfekt spiegelt, ist verdächtig).

Koordination ist eine Timing-Frage: zwei Muskeln, eine Bewegung, und der Onset-Verzug zwischen ihnen ist der Parameter — nicht die Amplitude.
Koordination ist eine Timing-Frage: zwei Muskeln, eine Bewegung, und der Onset-Verzug zwischen ihnen ist der Parameter — nicht die Amplitude.

Die Landkarte

FrageParameterBrauchtTypische Falle
An/aus?Onset/Offset per Schwellekurzes Fenster, definierte Schwelle, SichtprüfungSchwellenregel ändert die Antwort
Mehr/weniger?mittlere Amplitude der Hüllkurvegleicher Aufbau; über Sitzungen/Personen normalisierenµV als Kraft lesen
Wann?Time to Peak, Feuerreihenfolge, Onset-MusterEreignismarker, phasenfreie GlättungFensterverzögerung verschiebt Onsets
Wie viel?% MVC (Mittelwert)gültige Referenzkontraktionschlechte MVC → falsche %
Ermüdung?Medianfrequenz-Steigung; Amplitudenanstiegstatisch, konstante Last; Stationaritätdynamische Aufgabe → Spektrum bedeutungslos
Koordination?Verhältnisse, Koaktivierung, Feuerreihenfolge≥ 2 Kanäle, explizite KriterienÜbersprechen als Koaktivierung gelesen
Ein Burst, fünf Parameter: Onset und Offset beantworten „wann", Peak, Mittelwert und RMS „wie stark", das integrierte EMG (Fläche) „wie viel insgesamt".
Ein Burst, fünf Parameter: Onset und Offset beantworten „wann", Peak, Mittelwert und RMS „wie stark", das integrierte EMG (Fläche) „wie viel insgesamt".

Muskeln in diesem Artikel

Von der Platzierung zur Messung

EMG Guide zeigt, wo die Elektroden hingehören. easyEMG mit PicoBlue-Sensoren visualisiert danach das Signal live — SENIAM-konform, in Echtzeit, mit Signal-Check am Bildschirm.

Häufige Fragen

Welchen einzelnen Parameter soll ich nehmen, wenn ich nur einen berichten kann?

Die mittlere Amplitude der RMS-Hüllkurve über ein definiertes Intervall, normalisiert, wenn über Sitzungen oder Personen verglichen wird. Sie ist die robusteste Zahl und beantwortet die häufigste Frage („mehr oder weniger").

Warum nicht die Spitze?

Weil die Spitze bei einem Einzeldurchgang von der zufälligen Überlagerung der Potenziale motorischer Einheiten dominiert wird — sie ist nicht reproduzierbar. Average Peak oder Spitze einer gemittelten Kurve verwenden.

Kann ich Ermüdung bei einer dynamischen Übung messen?

Der spektrale Ermüdungsindex braucht eine statische, konstante Kontraktion. Bei dynamischen Aufgaben ist der Amplitudenanstieg bei konstanter äußerer Last der nutzbare Indikator, mit den Einschränkungen, die Konrad nennt.

Wie viele Kanäle brauche ich für eine Koordinationsfrage?

Mindestens Agonist und einen Antagonisten oder Synergisten; für eine Kette (z. B. Hüftstreckung) alle Hauptbeteiligten — Großer Gesäßmuskel, Hamstrings und Lendenstrecker. Ein Kanal kann eine Koordinationsfrage per Definition nicht beantworten.

Quellen

  1. Konrad P. The ABC of EMG. Noraxon; 2005 — „EMG Analysis": Analysis Questions Overview (S. 45), On/Off (S. 46), More/Less (S. 47), Muscle Timing (S. 48), How Much Activity (S. 49), How Much Fatigue (S. 50), Movement Coordination (S. 51); Amplituden-/Frequenz-/Timing-Parameter (S. 39–43).
  2. De Luca CJ. The use of surface electromyography in biomechanics. J Appl Biomech. 1997;13:135–163.
  3. Hodges PW, Bui BH. A comparison of computer-based methods for the determination of onset of muscle contraction using electromyography. Electroencephalogr Clin Neurophysiol. 1996;101:511–519.
  4. Criswell E. Cram's Introduction to Surface Electromyography. 2. Aufl. 2011 — Kap. 8 (dynamische Untersuchung).
  5. Merletti R, Parker PA (Hrsg.). Electromyography. IEEE/Wiley; 2004.

Weiterlesen

Signalqualität

10 Faktoren, die Ihr EMG-Signal verfälschen

Haut, Fett, Temperatur, Abstand, Innervationszone, Übersprechen, EKG, Bewegung, Kabel, Ermüdung — zehn Einflüsse auf die EMG-Amplitude und wie man sie kontrolliert.

Verarbeitung & Auswertung

MVC-Normalisierung — warum Mikrovolt allein nichts sagen

Wie man Oberflächen-EMG auf eine maximale willkürliche Kontraktion (MVC/MVIC) normalisiert, wie der Referenztest abläuft, wann MVC versagt und welche Alternativen es gibt.

Verarbeitung & Auswertung

Vom Roh-EMG zum RMS — Gleichrichtung, Glättung und Filterung erklärt

Was zwischen roher EMG-Kurve und Amplitudenzahl passiert — Gleichrichtung, gleitender Mittelwert vs. RMS, Fensterlänge, warum Notch-Filter unerwünscht sind, was man angibt.

Alle Artikel →
EMG-Guide als PDF — kostenlos
40 Muskelprotokolle (SENIAM + peer-reviewed) auf 80 Seiten, druckfertig.